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Balkonien

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Die Entfaltungsmöglichkeiten sind beinahe unbegrenzt: ob Familienurlaub, Bildungsurlaub oder Wellnesstage – auf Balkonien ist alles noch erschwinglich, ja sogar inklusive. Willkommen in jenem kleinen Gebiet, das alles ist und alles hat, was eine Urlaubsregion auszeichnet: Garten, Partymeile, Kinderspielplatz, Grillstube und FKK-Strand.


Dachten Sie bisher vielleicht, der Balkon sei nur für Leute, die nicht in der Wohnung rauchen dürfen? Oder dient bei Ihnen der Balkon bloß dazu, Bierkästen zu lagern und die Satellitenschüssel anzuschrauben? Dann sollten Sie Ihre Lebenswelt neu entdecken! Brechen Sie mal, neudeutsch gesprochen, Ihre Wahrnehmungsmuster auf, indem Sie vom Liegestuhl aus einen halben Tag lang die Dachtraufe des Nachbarhauses anschauen. Wenn die Sonne scheint, werden Sie sogar braun dabei. Und schon haben die Ferien begonnen.

Besondere Befriedigung verschafft es, derweil die Staumeldungen im Radio zu hören. Denn für Sie gibt es kein Anreiseproblem. Die Verkehrsverhältnisse in Ihrer Wohnung erlauben es, den Balkon in weniger als 30 Sekunden zu erreichen; selbst wenn Sie unterwegs noch Raststop in der Küche machen, haben Sie die Strecke in wenigen Minuten hinter sich.

Viele Menschen lieben Balkonien wegen der Aussicht, andere kommen wegen der Vegetation immer wieder hierher. Und es ist immer etwas los: Tief unter Ihnen fährt jemand sein Auto zu Schrott, während auf einem benachbarten Balkon ein lautstarker Ehekrach gegeben wird – ein packendes Sozialdrama mit überzeugend wirkenden Laiendarstellern. Das Fernsehprogramm können Sie wahlweise auf dem eigenen Apparat oder auf einem Bildschirm in der Wohnung gegenüber verfolgen. Oder suchen Sie etwas in der Art erotischer Bezahl-Kanäle? Mit einem Fernglas finden Sie in Ihrem Viertel sicher eine Live-Aufführung.

Natürlich bietet Balkonien auch jede Menge Abenteuer. Schon die schwindelerregende Höhe, in der Sie sich befinden, kitzelt die Nerven. Dann die jähen Wetterkapriolen: Blitz und Donner, Sturmböen, die Sonnenschirme entwurzeln, und Regenschauer, nach denen Kinder ein paar Zentimeter größer sind. Ganz zu schweigen von den Gefahren am glühenden Grill und dem fortwährenden Kampf gegen saugende, stechende und beißende Insekten.

Allerdings gibt es auch saugende, stechende und beißende Nachbarn, die Balkonien zu einem seelischen Erfahrungsraum erster Güte machen. Dazu gehören die alltäglichen Grüß-Rituale oder auch deren Vermeidung, obwohl jeder genau weiß, daß die andere Partei in Atemnähe ist. Denn generell bewirkt der Balkon, als Schnittstelle zwischen unserem öffentlichen und privaten Dasein, eine mal beglückende, mal anstrengende Ausweitung des Intimbereichs.

Etwas Theatralisches ist stets dabei, wenn es um Balkone geht; nicht von ungefähr finden sich auch Balkone in Theatern. Theatralisch war Gerhard Schröders Rückzug nach Balkonien, den er seinerzeit als politische Vergeltungsmaßnahme gegen Italien, die Italiener und deren deutschenfeindliche Minister praktizierte. Es gibt aber auch finanzielle Gründe für die Ferien zuhause: Die sonst übliche Abzockerei mit überhöhten Touristenpreisen bleibt Balkonien-Urlaubern jedenfalls erspart.

Im Daheimbleiben liegt eine Gnade, die man gar nicht genug preisen kann. Große Dichter wie Goethe („Warum in die Ferne schweifen?“) oder Benn („Ach, vergeblich das Fahren“) waren genau derselben Meinung, sie kannten bloß noch nicht das Wort
Balkonien. Inzwischen steht es sogar im Duden.


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